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Hitoshi Nagai:
Penetre und ich

Vorwort

Der Mensch lebt nur zum Vergnügen.
Du musst nicht zur Schule gehen.
Du darfst lügen.
Der Wal ist ein Fisch.
Die Erde ist nicht rund.
………
Das behauptet zumindest Penetre. Was denkst du?
„Penetre“ ist der Name der Katze, die uns vor drei Jahren, als ich noch in der fünften Klasse war, zugelaufen kam. Alles an dieser Katze ist so seltsam wie ihr Name. Das merkwürdigste an ihr ist, dass sie die Sprache der Menschen spricht. Auch das, was sie sagt, ist sonderbar. Wovon normale Menschen sprechen, davon spricht sie nie. Noch kein einziges Mal habe ich sie sagen hören, dass sie hungrig oder müde sei. Dafür spricht sie über Fragen wie: „Warum lebt der Mensch?“ Oder: „Muss man zur Schule gehen?“
Ihre Meinungen unterscheiden sich vollkommen von denen der normalen Menschen. Am Anfang bleibt einem da manchmal die Spucke weg, aber je mehr man darüber nachdenkt, desto überzeugender wird das, was Penetre so von sich gibt. Könnte es sein, dass sie recht hat?
In diesem Buch sind meine Gespräche mit Penetre festgehalten. Meistens ist es allerdings Penetre, die spricht, während ich bloß zuhöre.
Die Gespräche habe ich in der Reihenfolge aufgeschrieben, in der sie geführt wurden. Wahrscheinlich sind sie am einfachsten zu verstehen, wenn man sie der Reihe nach liest, aber wenn du willst, kannst du auch die Gespräche zuerst lesen, deren Titel dich am meisten interessieren. Wenn am Ende des Titels allerdings (1) oder (2) steht, rate ich dir (1) vor (2) zu lesen. Und wenn am Ende eines Gesprächs zum Beispiel „siehe 2-7“ steht, bedeutet das, dass im siebten Gespräch des zweiten Kapitels auf dasselbe Thema Bezug genommen wird.

1-1 Warum lebt der Mensch? (1)

Ich: Penetre, was denkst du? Warum lebt der Mensch eigentlich? Mein Vater geht zum Beispiel jeden Tag zur Arbeit. Das tut er, um Geld zu verdienen, richtig? Geld muss man verdienen, weil man sonst nicht leben kann. Denn ohne Geld kann man sich nichts zum Essen und zum Anziehen kaufen, und wenn man es sich einmal gut gehen lassen will, dann kostet das auch Geld…
Penetre: Was eigentlich ein Mittel zum Zweck des Lebens sein sollte, nimmt einem den Großteil der Lebenszeit weg. Beim Leben ist es aber schwierig, Mittel und Zweck genau voneinander zu trennen. Das ist das interessante am Leben: Was ursprünglich nur ein Mittel war, wird irgendwann zum Zweck selbst!
Ich: Das Mittel wird zum Zweck selbst… – das verstehe ich nicht! Was ist denn dieser Zweck? Warum lebt der Mensch denn eigentlich?
Penetre: Am Ende lebt der Mensch… aus reinem Vergnügen! Wer arbeitet, um Geld zu verdienen, tut das, um sich danach zu vergnügen. Wenn die Arbeit am Ende zum Leben wird, dann hat man die Arbeit selbst zu seinem Vergnügen gemacht hat. Das ist gar nicht so seltsam, wie es klingt. Eigentlich ist es eine ganz feine Sache.
Ich: Willst du sagen, dass das Ziel des Lebens das Vergnügen ist? Nicht etwa, die Welt zu verbessern oder seine Aufgabe zu verwirklichen? Bist du dir wirklich sicher, dass es nur um das Vergnügen geht?

1-2 Warum lebt der Mensch? (2)

Ich: Mich lässt das Gefühl nicht los, dass ein Leben, das nur aus Vergnügen besteht, letztlich sinnlos wäre… Denkst du nicht, dass ein Leben, das auf die Verwirklichung eines Zieles ausgerichtet ist, am Ende erfüllter wäre?
Penetre: Das liegt daran, dass die meisten Menschen, mit dem Wort „Vergnügen“ etwas bezeichnen, das – verglichen mit der Arbeit – unproduktiv ist. Während des Vergnügens verstreicht die Zeit ungenutzt. Aber wenn ich vom „Vergnügen“ spreche, meine ich es in einem anderen Sinn. Vergnügen bedeutet, das, was man tut, wirklich zu genießen. Das ist ein Zustand, bei dem einen der Inhalt dessen, was man tut, vollkommen ausfüllt. In einem solchen Zustand hat man es gar nicht nötig, nach einem Sinn oder Ziel außerhalb dessen zu suchen, was man gerade tut. Vergnügen bedeutet den Zustand, in dem man einfach lebt – für nichts und niemanden! Nicht, um damit irgendetwas zu verwirklichen, sondern nur, weil es Spaß macht.
Ich: Wenn das stimmt, dann muss es das Ziel des Lebens sein, ohne ein Ziel zu leben… Das ist doch seltsam!
Penetre: Seltsam ist das nicht. Aber: Solange du es dir zum Ziel machst, ohne ein Ziel zu leben, wird es dir nicht gelingen, ziellos zu leben.
Ich: Wie soll ich dann leben?
Penetre: Das Ziel, ohne ein Ziel zu leben, muss selbst zum ziellosen Leben werden!
Ich: ??? (siehe 2-7)