{"id":5498,"date":"2013-06-15T09:42:16","date_gmt":"2013-06-15T09:42:16","guid":{"rendered":"http:\/\/antaiji.org\/?page_id=5498"},"modified":"2020-02-20T11:02:04","modified_gmt":"2020-02-20T11:02:04","slug":"1-14","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/antaiji.org\/de\/essays\/1-14\/","title":{"rendered":"1-14 Wer bestimmt die Bedeutung unserer Sprache (2)?"},"content":{"rendered":"<h3>Wer bestimmt die Bedeutung unserer Sprache (2)?<\/h3>\n<p><b><div class=\"demo-sep sep-none\" style=\"margin-top:40px;\"><\/div><span class=\"dropcap\">1-14<\/span><\/b><\/p>\n<p>Penetre: Kennst du das japanische Sprichwort \u201eMitgef\u00fchl dient nicht dem Mitmenschen\u201c?<br \/>\nIch: Ja, klar. Das bedeutet doch, dass es dem anderen schadet, wenn man ihm zu viel Mitgef\u00fchl schenkt, nicht wahr?<br \/>\nPenetre: Heute versteht es tats\u00e4chlich die Mehrheit der Japaner so. Aber urspr\u00fcnglich hatte es eine ganz andere Bedeutung: Wenn man jemandem Mitgef\u00fchl schenkt, beschenkt man damit letztlich sich selbst. Das hei\u00dft, man soll andere mit seinem Mitgef\u00fchl beschenken! Dagegen glauben heute viele, dass es umgekehrt bedeutet, man soll andere nicht mit seinem Mitgef\u00fchl behelligen. Die Bedeutungen sind also genau entgegengesetzt, aber sie beinhalten beide einen interessanten Widerspruch: Die einen sagen, dass man sich selbst zu liebe dem anderen helfen soll. Die anderen sagen, dass man dem anderen zu liebe ihm nicht helfen soll.<br \/>\nIch: Die ersten sind irgendwie hinterlistig. Die helfen den anderen ja nur, weil es ihnen um sich selbst geht!<br \/>\nPenetre: Ja und nein. Glaubst du denn, dass so eine Hinterlistigkeit zu einer verbreiteten Redewendung geworden w\u00e4re? Ich glaube, es ist eher umgekehrt: In Wirklichkeit geht es der Mehrheit der heutigen Menschen nur um sich selbst. Deshalb wollen sie anderen nicht helfen. Aber weil sie das nicht offen zugeben wollen, behaupten sie einfach, dass man \u201eseinem Mitmenschen mit Mitgef\u00fchl nicht dient\u201c. Die Bedeutung der Worte hat sich ge\u00e4ndert, weil sich das Rechtfertigungsbed\u00fcrfnis der Menschen ge\u00e4ndert hat. Die Sprache \u00e4ndert nicht zuf\u00e4llig ihre Bedeutung. <b>Die Bedeutung ver\u00e4ndert sich nicht deshalb, weil die Mehrheit daf\u00fcr ist. Die Mehrheit ist daf\u00fcr, weil sie die neue Bedeutung n\u00f6tig hat.<\/b> Aber darauf kommt man erst, nachdem die Mehrheit sich f\u00fcr eine neue Bedeutung entschieden hat (<a href=\"https:\/\/antaiji.org\/de\/essays\/3-2\/\">siehe 3-2<\/a> bis <a href=\"https:\/\/antaiji.org\/de\/essays\/3-5\/\">3-5<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bestimmt die Bedeutung unserer Sprache (2)? Penetre: Kennst du das japanische Sprichwort \u201eMitgef\u00fchl dient nicht dem Mitmenschen\u201c? Ich: Ja, klar. Das bedeutet doch, dass es dem anderen schadet, wenn man ihm zu viel Mitgef\u00fchl schenkt, nicht wahr? Penetre: Heute versteht es tats\u00e4chlich die Mehrheit der Japaner so. Aber urspr\u00fcnglich hatte es eine ganz andere Bedeutung: Wenn man jemandem Mitgef\u00fchl schenkt, beschenkt man damit letztlich sich selbst. Das hei\u00dft, man soll andere mit seinem Mitgef\u00fchl beschenken! Dagegen glauben heute viele, dass es umgekehrt bedeutet, man soll andere nicht mit seinem Mitgef\u00fchl behelligen. Die Bedeutungen sind also genau entgegengesetzt, aber sie beinhalten beide einen interessanten Widerspruch: Die einen sagen, dass man sich selbst zu liebe dem anderen helfen soll. Die anderen sagen, dass man dem anderen zu liebe ihm nicht helfen soll. Ich: Die ersten sind irgendwie hinterlistig. Die helfen den anderen ja nur, weil es ihnen um sich selbst geht! Penetre: Ja und nein. Glaubst du denn, dass so eine Hinterlistigkeit zu einer verbreiteten Redewendung geworden w\u00e4re? Ich glaube, es ist eher umgekehrt: In Wirklichkeit geht es der Mehrheit der heutigen Menschen nur um sich selbst. Deshalb wollen sie anderen nicht helfen. Aber weil sie das nicht offen zugeben wollen, behaupten sie einfach, dass man \u201eseinem Mitmenschen mit Mitgef\u00fchl nicht dient\u201c. Die Bedeutung der Worte hat sich ge\u00e4ndert, weil sich das Rechtfertigungsbed\u00fcrfnis der Menschen ge\u00e4ndert hat. Die Sprache \u00e4ndert nicht zuf\u00e4llig ihre Bedeutung. Die Bedeutung ver\u00e4ndert sich nicht deshalb, weil die Mehrheit daf\u00fcr ist. Die Mehrheit ist daf\u00fcr, weil sie die neue Bedeutung n\u00f6tig hat. 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