{"id":5947,"date":"2013-06-19T06:50:49","date_gmt":"2013-06-19T06:50:49","guid":{"rendered":"http:\/\/antaiji.org\/?page_id=5947"},"modified":"2013-07-04T20:31:21","modified_gmt":"2013-07-04T20:31:21","slug":"deutsch-muho","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/antaiji.org\/de\/history\/yearbooks\/yearbook-2010\/deutsch-muho\/","title":{"rendered":"Muho"},"content":{"rendered":"<h3>Ganze Arbeit &amp; Selbstgespr\u00e4ch<\/h3>\n<h4><b>Muho (42, Antaiji)<\/b><\/h4>\n<p><tt><b>Ganze Arbeit<\/b><\/p>\n<p>\u201cLebe ich eigentlich, um zu arbeiten? Um Gottes Willen, nein! Das w\u00e4re ja die H\u00f6lle. Ich arbeite, um zu leben! Und je weniger ich f\u00fcr mein Leben arbeiten muss, desto mehr Zeit bleibt mir, um zu leben. Denn eine Minute weniger bei der Arbeit bedeutet ja eine Minute mehr f\u00fcr mich selbst. Wenn ich zwischen der Arbeit und dem Leben w\u00e4hlen m\u00fcsste, da w\u00fcrde ich nicht lange \u00fcberlegen!\u201d<\/p>\n<p>Arita, Baba und Chie, drei japanische Studenten, jobben w\u00e4hrend der Sommerferien in einem Sushi-Restaurant. Der Chef l\u00e4sst alle drei an der Sp\u00fcle stehen und Teller waschen. Tag ein, Tag aus. Arita hasst den Job, aber er braucht das Geld. Er verkauft seine Zeit, doch in Gedanken ist er bereits wo anders, bei seiner Freundin. Er kann es gar nicht erwarten, sie zu treffen. Wann macht der Laden endlich zu? Baba ist da etwas gewissenhafter. F\u00fcr sein Geld will er die Teller picobello abliefern. Fast wie ein Zenmeister scheint er auf seine Arbeit konzentriert, doch sein Geist reicht nicht \u00fcber die Sp\u00fcle hinaus. Warum auch? Sein Job ist das Tellerwaschen, mehr nicht. Nur Chie interessiert sich f\u00fcr das, was um sie herum im Restaurant vorgeht. W\u00e4hrend sie neben Arita und Baba die Teller w\u00e4scht und ins Regal r\u00e4umt, beobachtet sie auch den Chef am Tresen, der den Fisch schneidet und den Reis zu B\u00e4llen formt. Auch w\u00e4hrend ihre Augen auf die Teller gerichtet sind, entgeht ihren Ohren doch die Reaktion der G\u00e4ste auf die Kreationen des Chefs nicht. Auch nach Ladenschluss steht sie manchmal noch am Tresen um dem Chef beim Schaerfen seiner Messer zu assistieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr den letzten Tag ihrer Arbeit hat sich der Chef eine besondere \u201cBelohnung\u201d ausgedacht. Heute, so sagt er den dreien, sollen sie selbst am Tresen stehen und die Sushi bereiten, w\u00e4hrend er die Teller w\u00e4scht. Doch Arita ist ver\u00e4rgert: Er wird doch f\u00fcr das Tellerwaschen bezahlt, nicht daf\u00fcr, die Sushi zu machen! Auch Baba wirkt hilflos. Er sagt:<\/p>\n<p>\u201cDann erkl\u00e4ren Sie mir doch erst einmal bitte, wie man die Sushi fachgerecht zubereitet.\u201d Doch der Chef ist ein Koch der alten japanischen Schule: \u201cWas redest du! Wo warst Du denn die ganze Zeit? Mehrere Wochen standst du hinter mir, w\u00e4hrend ich dir ein praktisches Beispiel des Sushi-Handwerks geboten habe. Und du willst, dass ich dir noch etwas beibringe?\u201d Allein Chie ist heute in der Lage, die G\u00e4ste mit ihren Sushi zu erfreuen.<\/p>\n<p>Arita, Baba und Chie bekamen f\u00fcr ihre Dienste vom Chef den gleichen Lohn ausgezahlt, auch wenn ihre Leistungen im Restaurant nicht unterschiedlicher h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Doch nicht nur haben die drei ganz verschiedenes im Restaurant geleistet, sie bekamen auch ganz verschiedenes zur\u00fcck: Arita bekam nichts au\u00dfer dem Geld, denn er war nur k\u00f6rperlich pr\u00e4sent im Restaurant, sein Geist war davon, seine Zeit verkauft und verloren. Baba war zum perfekten Tellerw\u00e4scher geworden. Doch auch sein Geist hatte von dem, was \u00fcber die Sp\u00fcle hinausreichte, nichts erfasst. Seine Welt hatte nur das Ausma\u00df des Quadratmeters, auf dem er stand. Nur Chie hatte das ganze Restaurant in ihr Herz geschlossen. Sie hatte sich nicht nur ein Taschengeld verdient, sondern eine ganze neue Welt um sich herum entdeckt. Sie hatte nicht nur gearbeitet, sondern durch ihre Arbeit gelebt. Der Unterschied lag nicht in ihrer Arbeit, sondern in ihrer Einstellung zur Arbeit.<\/p>\n<p><b>Selbstgespr\u00e4ch<\/b><\/p>\n<p>Du tr\u00e4umst vom erf\u00fcllten Leben. Du sagst: \"Mein Leben ist wie ein Puzzlespiel, bei dem die Teile einfach nicht passen wollen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich die wichtigsten St\u00fccke noch gar nicht gefunden habe.\" Also kriechst du unter dem Teppich und hinter dem Sofa herum, auf der Suche nach den verlorenen Puzzlest\u00fccken deines Lebens. Warum schaust du nicht nach links und rechts, und \u00fcberlegst dir einmal, ob deine Teile die fehlenden St\u00fccke im Puzzle eines anderen sein k\u00f6nnten? Wir spielen das Puzzle des Lebens gemeinsam, nicht jeder f\u00fcr sich allein.<\/p>\n<p>Du fragst: \"Was ist Realit\u00e4t? Ist sie innen oder au\u00dfen? Gibt es nur eine oder viele? Erschaffe ich sie erst oder teile ich sie mir mit allen anderen? Oder ist sie so nah, dass sie zugleich ungreifbar erscheint?\" Realit\u00e4t liegt vor dieser Trennung. Du kannst nicht aus ihr heraus oder an sie heran treten, du kannst sie auch nicht erschaffen, denn dieses Heraus- und Herantreten sind genauso wie das innerliche Erschaffen selbst bereits Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Du fragst: \"Trotzdem noch einmal: Was ist Realit\u00e4t ganz konkret?\" Deine Frage <i>ist<\/i> die Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Du fragst dich: \"Und wer bin ich?\" Wer stellt eigentlich die Frage?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ich weiss es nicht.\" Genau <i>das<\/i> bist du!<\/p>\n<p>Du fragst: \"Was soll ich tun?\" Gute Frage, aber an wen ist sie gerichtet?<\/p>\n<p>Du fragst: \"Was ist der Sinn des Lebens?\" Bessere Frage: Wie viel Sinn gibst du deinem Leben?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ich will noch mehr aus meinem Leben heraus holen!\" Ich w\u00fcsste lieber: Wieviel gibst du von dir an das Leben?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Alles ist fad!\"\u3000An wem liegt das nur?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Die Welt ist ungerecht!\" Ungerecht zu wem? Zu dir? Was erwartest du denn?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Die anderen haben es besser als ich!\" Und was sagen die anderen?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Das habe ich doch nicht verdient!\" Was genau hast du verdient?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Das darf doch nicht wahr sein!\" Warum nicht?<\/p>\n<p>Du fragst: \"Warum muss es ausgerechnet mich treffen?\" Wenn h\u00e4tte es denn treffen sollen?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ich werde es ihm heimzahlen!\" Was tr\u00e4gst du damit zur L\u00f6sung des Konfliktes bei?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Das ist nicht mein Problem!\" So wirst du zum Problem der anderen.<\/p>\n<p>Du sagst: \"Das wusste ich nicht!\" Ignoranz ist keine Entschuldigung.<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ich bin von Arschl\u00f6chern umgeben!\" Du lebst dein Leben im Spiegelkabinett.<\/p>\n<p>Du sagst: \"Du \u00e4rgerst mich!\" Nein, <i>du<\/i> \u00e4rgerst <i>dich<\/i>.<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ich wurde an der Nase herum gef\u00fchrt!\" Du meinst: Du hast dich an der Nase herumf\u00fchren lassen.<\/p>\n<p>Du sagst: \"K\u00f6nnt ihr nicht endlich einmal still sein? Ihr geht mir so auf den Geist!\" Warum bringst du nicht erst einmal deinen eigenen Geist zur Ruhe?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Meine Eltern verstehen mich nicht.\" Verstehst du deine Eltern?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Meine Kinder h\u00f6ren mir nicht zu.\" H\u00f6rst du deinen Kindern zu?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Dieses Mal ist es mir wirklich ernst!\" Hattest du das nicht schon letztes Mal gesagt?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Auf immer und ewig!\" Du meinst: Solange sich meine Meinung nicht \u00e4ndert. Welcher unterschied k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer sein?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ich liebe sie mit ganzem Herzen!\" Du meinst, du bist total verliebt. Ob du sie liebst, wird nur sie selbst dir sagen k\u00f6nnen. Und auch das erst in fr\u00fchestens zehn Jahren.<\/p>\n<p>Du fragst: \"Habe ich durch meine Zazen-Praxis Fortschritte als Mensch gemacht?\" Frag lieber deine Familie. Oder frag deine Arbeitskollegen.<\/p>\n<p>Du sagst: \"Arbeit und Familie nehmen mir die Zeit weg!\" Warum, du hast doch Zeit f\u00fcr die Arbeit, und Zeit f\u00fcr die Familie.<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ja, aber wo bleibt die Zeit f\u00fcr mich selbst?\" Gibt es denn eine Minute des Tages, die nicht dir selbst geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Du sagst: \"Arbeite ich eigentlich noch um zu leben, oder lebe ich bereits nur noch, um zu arbeiten?\" Meine Frage: Warum die Trennung?<\/p>\n<p>Du fragst: \"Und was mache ich, wenn ich krank werde?\" Mach gar nichts. Am Ende heilt der Tod jede Krankheit.<\/p>\n<p>Im schlimmsten Fall wirst du sterben. Aber auch das ist nur halb so schlimm.<\/p>\n<p>Ein Mensch stirbt: Alltag. Du stirbst: Der Weltuntergang!<\/p>\n<p>Du sagst: \"Ich will nicht sterben!\" Aber danach hat niemand gefragt. Meine Frage: Wer w\u00fcrde dich vermissen?<\/p>\n<p>Du hast Angst, Zazen k\u00f6nnte dich umbringen? Keine Sorge, hinter der Sitzhalle liegt der Friedhof.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5948\" alt=\"muho_airport\" src=\"https:\/\/antaiji.org\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/DSC06592.jpg\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/antaiji.org\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/DSC06592.jpg 640w, https:\/\/antaiji.org\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/DSC06592-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p><\/t><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganze Arbeit &amp; Selbstgespr\u00e4ch Muho (42, Antaiji) Ganze Arbeit \u201cLebe ich eigentlich, um zu arbeiten? Um Gottes Willen, nein! Das w\u00e4re ja die H\u00f6lle. Ich arbeite, um zu leben! Und je weniger ich f\u00fcr mein Leben arbeiten muss, desto mehr Zeit bleibt mir, um zu leben. Denn eine Minute weniger bei der Arbeit bedeutet ja eine Minute mehr f\u00fcr mich selbst. 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