{"id":9652,"date":"2013-12-12T21:17:24","date_gmt":"2013-12-12T21:17:24","guid":{"rendered":"http:\/\/antaiji.org\/?page_id=9652"},"modified":"2013-12-12T21:17:24","modified_gmt":"2013-12-12T21:17:24","slug":"deutsch-adrian","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/antaiji.org\/de\/history\/yearbooks\/yearbook-2013\/deutsch-adrian\/","title":{"rendered":"Adrian"},"content":{"rendered":"<h2>Wasserspiele \u2013 Auch wenn man baden geht.<\/h2>\n<h4>Adrian<\/h4>\n<div id=\"idTextPanel\">\n<tt><br \/>\nIch habe bisher niemals mit meinen Eltern dar\u00fcber gesprochen, bin mir aber sicher eine Wassergeburt gewesen zu sein. Da ich offensichtlich bisher nicht ersoffen bin, habe ich auch gleich mit dem Strampeln angefangen und wie das so ist, lernt man das Schwimmen am besten, wenn man einfach ins kalte Wasser geworfen wird. So wird das wahrscheinlich eine ganze Weile gelaufen sein. Eines Tages kam dann irgendwer und steckte mir ein Seepferdchen an. Vielleicht war ich in dem Moment etwas verwirrt, denn ich musste ja von beginn an schwimmen und von au\u00dfen sah es bestimmt nicht immer gut aus, was man da so angestellt hat. Aber wenn man dann mit dem golden leuchtenden Seepferdchen nach hause und zu seinen Eltern kommt, ist das schon etwas Besonderes. Wahrscheinlich ist es das nur, weil einem die Eltern auf den R\u00fccken klopfen, einen in den Arm nehmen und zufrieden l\u00e4cheln \u2013 geschwommen ist man ja schon vorher.<br \/>\nIch glaube nicht, dass ich daraufhin selber in einen Schwimmverein eintreten wollte. Auf jeden fall meldeten mich meine Eltern kurze Zeit sp\u00e4ter an. Es ging ihnen nie darum mich zu einem Profischwimmer zu machen, der nach Medaillen jagt und jede Bahn zu einem Wettkampf ausruft. Sie waren viel mehr auch einmal begeisterte Schwimmer und hielten es mit Sicherheit f\u00fcr das Beste f\u00fcr mich. Ich hatte ja Spa\u00df an der ganzen Sache und konnte so gleich die richtigen \u2013 oder sagen wir besser \u00fcblichen \u2013 Techniken lernen. \u00dcber die Zeit kamen dann weitere Schwimmabzeichen hinzu. Jedoch ging mir kurz darauf die Lust am Schwimmunterricht verloren und schon der \u201eSeehund Trixie\u201c bedeutete mir nichts mehr. Vielleicht lag es am Trainer mit dem immer etwas zu grimmigen Blick oder daran nicht mehr im Wasser rumtollen zu d\u00fcrfen wie man wollte. Stattdessen hie\u00df es jetzt: \u201eZwei Bahnen Brust, dann eine im Sprint kraulen und zum Ausschwimmen R\u00fcckenlage\u201c, bevor ein schriller Pfiff als Startkommando ert\u00f6nte. Solange die Anweisungen nicht abgeschlossen waren, sollten wir sogar regungslos verharren. Ein furchtbares Gef\u00fchl f\u00fcr ein Kind im Wasser, dass doch eigentlich nur Schwimmen will. Immer h\u00e4ufiger fand ich mich, anders als fr\u00fcher, zwischen den \u00dcbungseinheiten am Beckenrand oder die \u00dcbungen selbst nur noch mit halber Kraft absolvieren.<br \/>\nManchmal lie\u00df ich dann den Unterricht sausen um heimlich zum Fluss nicht weit von der Schwimmhalle zu laufen. Meine Eltern und auch der Trainer hatten mir verboten hier in das Wasser zu gehen. Die Str\u00f6mung w\u00e4re zu stark und man w\u00fcrde sehr leicht abgetrieben werden. Keiner wisse genau wo hin und viele der Gabelungen f\u00fchrten angeblich in unwirtliches Terrain, voller Stromschnellen, die ein auf den Grund des Wassers schleudern oder spitzer Felsen, die einem das Fleisch vom Leib rei\u00dfen. Ich behielt diese Mahnungen stets im Kopf und traute mich nie bis in die tiefen Stellen. Vom Rand aus sah ich dem rei\u00dfenden Fluss zu. Meine Sehnsucht nach dem ungesch\u00fctzten Gew\u00e4sser wuchs. So fing ich eines Tages, ohne dar\u00fcber nachzudenken, an ein Flo\u00df zu bauen auf dem ich mich sicherer f\u00fchlte. Nach und nach wagte ich mich ein wenig weiter vor. Manchmal schlug das Flo\u00df leck, sodass ich es ausbessern und verst\u00e4rken musste. Bei mutigeren Versuchen kam es vor, dass es komplett kenterte und vor meinen Augen davon trieb, bis es am Horizont zerschellte. Zur\u00fcck ans Ufer schaffte ich es aber jedes einzelne mal.<br \/>\nNach einigen Jahren beherrschte ich es ruhig auf dem Wasser zu fahren. Das als Notbehelf errichtete Flo\u00df bestand zu Beginn noch aus einem paar mit altem Strick lose aneinandergebunden Holzplanken. Mittlerweile sitze ich in einem stattlichen Kahn. Die angebauten Seitenw\u00e4nde, lassen nur selten Wasser in das Boot schwappen und meine F\u00fc\u00dfe bleiben somit meistens trocken. Die Reling ist stabil genug um auch bei aufbrausendem Wasser sicher zu stehen. Daf\u00fcr dass man auf diesem rei\u00dfenden Strom treibt, ist es also recht bequem in meinem Boot. Auf der einen Seite der Kaj\u00fcte liegt ein Schlafsack auf den Planken und in der Ecke gegen\u00fcber steht ein gut gepolsterter Stuhl vor einem Schreibtisch. Auf ihm befinden sich lediglich eine Kerze und das ausgebreitete Glasperlenspiel, dass ich besten falls in Ans\u00e4tzen beherrsche. Das ist genug f\u00fcr mich, nur auf das Wasser will ich weiterhin nicht verzichten. Ich kann mit \u00fcberhaupt nicht vorstellen, dass das f\u00fcr eine Wassergeburt anstrebenswert oder \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Deswegen habe ich an dem in der Mitte trohnenden Masten einen kleinen Ausguck errichtet, der es mir erlaubt auch bei Sturm hinaufzusteigen. Aus dem Kr\u00e4hennest l\u00e4sst sich ein ordentliches Gef\u00fchl f\u00fcr die Wasserlage auf dem vor mir liegenden Weg gewinnen. So bin ich zuletzt sehr oft in ruhiges Fahrwasser gekommen. Hier setzt sich das Sediment am Grund und sch\u00fcttet einen angenehm weichen und komfortablen Boden auf. Seit dem das umliegende Wasser aber zunehmend zum Planschen und D\u00f6sen einl\u00e4dt, spar ich mir auch immer \u00f6fter das Schwimmen. Wozu auch?<br \/>\nSo kommt es dann vor, dass ich mich beim Ersehnen einer Sandbank ertappe. Eine kleine Untiefe im Wirr der Wassermassen, das sonst in alles eine tiefe Schneise gr\u00e4bt. Dort sollte dann das Flo\u00df aufsetzen und ich das Schwimmen ganz verlernen. Die nutzlos gewordenen Muskeln w\u00fcrden verk\u00fcmmern und ich weiter zufrieden \u00fcber das gut ausgebaute Boot auf mein Ende warten. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass das mich umgebend Wasser den vollst\u00e4ndigen Lauf, seit der Quelle gegraben hat. Auch ein stabiles Flo\u00df hat keinen gro\u00dfen Tiefgang und so w\u00fcrde es nicht lange dauern, dass ich mich f\u00fcr ein Schl\u00e4fchen auf meine ertr\u00e4umte Sandbank begebe und w\u00e4hrenddessen der ganze Kahn klammheimlich mitgezogen wird. Mein erschlaffter K\u00f6rper und der lethargisch gewordene Geist k\u00f6nnten nicht mehr reagieren. Ich w\u00e4re zum Zuschauen verdammt.<br \/>\nAber bin ich das nicht jetzt schon? Ich wollte doch eigentlich immer nur im Meer schwimmen und in die gro\u00dfen Wellen eintauchen. Deshalb ging ich damals heimlich an den Fluss und baute das erste Flo\u00df. Stattdessen sitze ich jetzt hier und schaue den Wellen beim Tanzen zu. Sie peitschen in ihrer unermesslichen Kraft gegen die Bordw\u00e4nde. Ich beobachte still den Strom, der nie aufgeh\u00f6rt hat mich zu rufen. Und das alles nur, weil ich einst nicht mehr schwimmen durfte wie ich wollte. Oder hatte ich mir etwa am Ende selber den Spa\u00df am Schwimmen genommen? Wie soll der Trainer mit dem etwas zu grimmigen Blick, der nur regungslos am Rand sitzt und mich beobachtet denn bitte in mein Wasser pissen? Ich habe aus Eifer das Boot windfest zu machen meinen Plan schwimmen zu \u00fcben vergessen. Ganz ehrlich, es ist Zeit zu schwimmen und wenn es erstmal nur in einem Planschbecken ist. Die Umgebung darf es mir gerne einfach machen, Hauptsache ich kann wieder tauchen. Lediglich zwei Bedingungen sollte der Ort erf\u00fcllen. Erstens: Das Wasser muss zu tief zum Stehen sein, sodass ich schwimmen muss. Zweitens: Lass mich schwimmen wie ich m\u00f6chte, schlie\u00dflich bin ich Erwachsen. Dann halte ich mich auch gerne an die Regeln der Badeanstalt. <\/p>\n<p><b><br \/>\nIch h\u00f6re ein stumpfes Poltern durch das Wasser hallen. Im gleichen Moment dringt ein helles Licht durch meine geschlossenen Augen. Ich tauche auf und weite Pupillen blicken dem Strahlen entgegen. Reflexartig streiche ich mir mit den vom warmen Wasser in Falten geworfenen Fingerspitzen die Feuchtigkeit aus den Lidern um etwas klarer zu sehen. Meine Augen bleiben f\u00fcr einen kurzen Moment an den kleinen abheilenden oder gerade erst frisch erworbenen Wunden und den immer noch etwas von Dreck untersetzten Fingern\u00e4geln h\u00e4ngen. Das Schaben der sich langsam weiter \u00f6ffnende Abdeckung des Ofuro, vermischt sich mit einem warmen: \u201eOtsukare-sama desu!\u201c. Es ist ein Echo das st\u00e4ndig durch die Tage im Plateau von Antaiji hallt. Auch ich antworte voller Selbstverst\u00e4ndlichkeit im selben Tonfall mit den gleichen Worten. Die eine gemeinsame Stimme der versammelten Sangha.<\/b><\/p>\n<p>Das Flussbett beginnt sich nach und nach zu weiten und immer mehr Str\u00f6me scheinen sich in einem gro\u00dfen Delta zu vereinigen. Wenn man f\u00fcr einen Augenblick in das mitgetriebene Boot und auf den mit Spinnenweben besetzten Mast in das Kr\u00e4hennest steigt, kann man inmitten der Wassermassen von hier aus das Meer am Horizont erahnen. L\u00e4sst man aber die Augen ruhen und atmet in ruhigen Z\u00fcgen, riecht man das Salz in der Luft und h\u00f6rt die M\u00f6wen aus allen Richtungen kreischen. Ich schwimme los um mich in die Wellen zu st\u00fcrzen. Und wenn ich ersaufe? Ersaufe ich. Treiben mich die Wellen an den Strand oder zwingen mich zur\u00fcck ins Boot, steht mir die \u00dcbungshalle offen. Vielen Dank, f\u00fcr die Halle, die Trainingszeit und die M\u00f6glichkeit zur\u00fcck zu kehren.<\/p>\n<p>\u201eIst es nicht seltsam, dass die Menschen immer mir ihrer Kraft sparen wollen? Jemandem wie mir, der \u00fcber keine besonderen Talente verf\u00fcgt und auch nicht besonders intelligent ist, dazu noch weder Geld noch Eltern hat, dem bleibt nichts, als alles von sich selbst zu geben. Insofern habe ich mit diesem Leben Gl\u00fcck gehabt. Denn welches Gl\u00fcck k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer sein als das, sich in Umst\u00e4nden zu befinden, die einen zwingen, alles von sich zu geben?\u201c<br \/>\n                    <\/i> Kodo Sawaki \u2013 Zen ist die gr\u00f6\u00dfte L\u00fcge aller Zeiten<\/i><br \/>\n<\/tt><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wasserspiele \u2013 Auch wenn man baden geht. Adrian Ich habe bisher niemals mit meinen Eltern dar\u00fcber gesprochen, bin mir aber sicher eine Wassergeburt gewesen zu sein. Da ich offensichtlich bisher nicht ersoffen bin, habe ich auch gleich mit dem Strampeln angefangen und wie das so ist, lernt man das Schwimmen am besten, wenn man einfach ins kalte Wasser geworfen wird. So wird das wahrscheinlich eine ganze Weile gelaufen sein. Eines Tages kam dann irgendwer und steckte mir ein Seepferdchen an. Vielleicht war ich in dem Moment etwas verwirrt, denn ich musste ja von beginn an schwimmen und von au\u00dfen sah es bestimmt nicht immer gut aus, was man da so angestellt hat. Aber wenn man dann mit dem golden leuchtenden Seepferdchen nach hause und zu seinen Eltern kommt, ist das schon etwas Besonderes. Wahrscheinlich ist es das nur, weil einem die Eltern auf den R\u00fccken klopfen, einen in den Arm nehmen und zufrieden l\u00e4cheln \u2013 geschwommen ist man ja schon vorher. Ich glaube nicht, dass ich daraufhin selber in einen Schwimmverein eintreten wollte. Auf jeden fall meldeten mich meine Eltern kurze Zeit sp\u00e4ter an. Es ging ihnen nie darum mich zu einem Profischwimmer zu machen, der nach Medaillen jagt und jede Bahn zu einem Wettkampf ausruft. Sie waren viel mehr auch einmal begeisterte Schwimmer und hielten es mit Sicherheit f\u00fcr das Beste f\u00fcr mich. Ich hatte ja Spa\u00df an der ganzen Sache und konnte so gleich die richtigen \u2013 oder sagen wir besser \u00fcblichen \u2013 Techniken lernen. \u00dcber die Zeit kamen dann weitere Schwimmabzeichen hinzu. Jedoch ging mir kurz darauf die Lust am Schwimmunterricht verloren und schon der \u201eSeehund Trixie\u201c bedeutete mir nichts mehr. 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