{"id":16290,"date":"2018-01-23T03:12:29","date_gmt":"2018-01-23T03:12:29","guid":{"rendered":"http:\/\/antaiji.org\/?p=16290"},"modified":"2018-01-23T03:20:16","modified_gmt":"2018-01-23T03:20:16","slug":"20180123-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/antaiji.org\/de\/20180123-2\/","title":{"rendered":"Antaiji im Kulturradio und Ioana &uuml;ber das <i>Tenzokyokun<\/i>, 23. Januar 2018"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/17cBan0NvSs\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Geweckt wird man im Kloster Antaiji fr\u00fch, sehr fr\u00fch, noch vor dem Sonnenaufgang. Und sanft geschieht es auch nicht grade. Um viertel vor vier rennt Xavier \u00fcber die Flure. Er ist heute der Jikijitsu und f\u00fcr den Tagesablauf verantwortlich. Seine trampelnden Schritte signalisieren jedem: In 15 Minuten beginnt in der Halle die Meditation, das sogenannte Zazen mit dem Gongschlag des Jikijitsu.<\/p>\n<p>Die Meditierenden sitzen auf Kissen, manche auf richtigen Kissent\u00fcrmchen. Der Lotussitz, eine kreuzbeinige Sitzposition empfiehlt sich nur Ge\u00fcbten. Zwei Stunden wird man so, unterbrochen nur vom Kinhin, einer 15-min\u00fctigen Gehmeditation, bewegungslos sitzen. Mit dem Gesicht zur Wand verharrt man ganz im Hier und Jetzt, erkl\u00e4rt Xavier, ein in Chile geborener Deutschlehrer: &#8222;Wenn man ganz still ist, dann f\u00fchlt man sich anders. Wenn du dich st\u00e4ndig bewegst, dann achtest du nur: Oh, hier juckt es oder wie lange haben wir noch? Wenn du ganz stille sitzt und einatmest und ausatmest und l\u00e4sst alles, dann geschieht etwas.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oft wird gesagt, Zazen bedeutet, man setzt sich aufs Kissen und l\u00e4sst los und man genie\u00dft dann die Ruhe des Geistes. Was aber passiert ist, man genie\u00dft es dann f\u00fcr f\u00fcnf Minuten, zehn Minuten einfach nur stillsitzen zu d\u00fcrfen. Aber sp\u00e4testens nach 15 Minuten geht es dann los im Kopf und alle m\u00f6glichen Dinge kommen hoch. Dieses innere Gespr\u00e4ch beginnt&#8220;, sagt Muh\u014d.<\/p>\n<p>Nicht nur das sei hart, sagt Murillo aus Brasilien, der seit einem Jahr in Antaiji Zen praktiziert: &#8222;Du hast k\u00f6rperliche Schmerzen und dein Geist wird immer wieder abgelenkt. Jemand hat Zazen als einen Spiegel beschrieben, in dem man sich selbst sieht. Man kann sich davor nicht verstecken. Es ist nicht immer sch\u00f6n, aber man lernt auch viel \u00fcber sich. Besonders w\u00e4hrend der Sesshin-Tage. In diesen Momenten frage ich mich schon: Was mache ich hier?&#8220;<\/p>\n<p>Als &#8222;Sesshin-Tage&#8220; werden die ersten f\u00fcnf Tage eines jeden Monats bezeichnet, an denen 15 Stunden t\u00e4glich mit kleinen Unterbrechungen meditiert wird. Da kommt man schnell an seine Grenzen, sagt Markus aus Berlin, der ein paar Monate hier bleiben will: &#8222;Dann h\u00f6rst du morgens immer diese Trommel und wenn du die Trommel schon h\u00f6rst, dann denkst du: Das kann nicht sein! Heute ist erst der dritte Tag, wie soll das jetzt weitergehen? Aber irgendwann merkst du auch: Okay, das geht. Ist ja komisch.&#8220;<\/p>\n<p>Beim Zazen widmet man seine ganze Aufmerksamkeit der Haltung, der Atmung und dem Auftauchen und Verschwinden der Gedanken, sagt Abt Muh\u014d, der als Olaf N\u00f6lke in Deutschland geboren wurde. N\u00f6lke studierte Physik, Philosophie und Japanologie, ging w\u00e4hrend des Studiums f\u00fcr ein Jahr nach Japan. Sechs Monate davon verbrachte er im Kloster Antaiji, wo er sp\u00e4ter als buddhistischer M\u00f6nch ordiniert wurde. Vor 15 Jahren wurde Muh\u014d vom seinem Lehrer als eigenst\u00e4ndiger Zen-Meister anerkannt und \u00fcbernahm nach dessen Tod das Kloster.<\/p>\n<p>&#8222;Im Zazen versuchen wir, die Gedanken einfach so zu lassen, wie sie sind, so wie Vogelstimmen, wie Insekten und loszulassen. Und loslassen ist etwas, was man nicht machen kann. Der Trick ist, die Gedanken anzunehmen. Wenn man die Realit\u00e4t oder das Leiden oder sich selbst loslassen will, muss man gleichzeitig die Realit\u00e4t, das Leiden, sich selbst annehmen. Also, wenn ich etwas nicht annehmen will, wie es ist, dann wird es zum Problem f\u00fcr mich. Wenn ich es annehme, wie es ist, muss ich nichts damit machen, das hei\u00dft, in dem Moment ist es schon losgelassen.&#8220;<\/p>\n<p>Heute seien die Menschen st\u00e4ndig auf der Suche nach irgendetwas: nach Geld, nach Liebe, nach Karriere, um gl\u00fccklich zu sein. Doch was Gl\u00fcck bedeute \u2013 das wissen die meisten nicht. Sie wissen nur: Mir geht es schlecht. Ich bin nicht gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>&#8222;Deshalb sage ich, echtes Gl\u00fcck bedeutet, dass man auch mal sein Ungl\u00fcck annehmen kann. Echte Erleuchtung bedeutet, aufzuh\u00f6ren, danach zu suchen, wie der Hund, der herumschn\u00fcffelt und nach der Bratwurst sucht&#8220;, sagt Muh\u014d. &#8222;Und deshalb wird im Zen manchmal gesagt: Vergiss die Erleuchtung. Nat\u00fcrlich ist Erleuchtung der Punkt, um den es geht im Buddhismus. Aber den Menschen das wie eine Karotte vor die Nase zu h\u00e4ngen, ist kontraproduktiv.&#8220;  <\/p>\n<p>&#8222;Zen ist f\u00fcr mich einfach das Leben leben, in dem man nur achtet, dass man im jetzigen Moment ist. Sonst ist nichts wichtig&#8220;, sagt Xavier. &#8222;Man k\u00f6nnte ja die ganze Zeit daran denken, was morgen passieren wird oder was gestern geschehen ist. Aber letztendlich sind wir nur jetzt und hier, und in dem man das erkennt, erlebt man auch Zen, das Gef\u00fchl hier zu sein, im Jetzt zu sein.&#8220;<\/p>\n<p>Wer nach Antaiji kommt, muss es mit dem Zen ernst meinen &#8211; nicht nur, weil man 1800 Stunden im Jahr meditiert. Die Klosterbewohner, die Monate oder auch Jahre hier bleiben, bekommen keinen Lohn, m\u00fcssen ihre Unkosten selbst tragen, f\u00fcr ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen.<\/p>\n<p>&#8222;Wir gehen auf Takuhatsu&#8220;, erkl\u00e4rt Murillo. &#8222;Das wird auch als Bettel\u00fcbung bezeichnet. Im Winter gehen wir in die gro\u00dfen St\u00e4dte und betteln. So k\u00f6nnen wir unsere grundlegenden Kosten f\u00fcr die Versicherung und die pers\u00f6nlichen Dinge decken.&#8220;<\/p>\n<p>V\u00f6llig vergeistigt ist der Klosteralltag in Antaiji nicht: Das Zusammenleben in der Gruppe funktioniert nur, wenn alle mit anpacken: Feld- und Waldarbeit, Kochen und das Klo putzen \u2013 all das sei Teil der Zen-Praxis.<\/p>\n<p>&#8222;Die Schriften erl\u00f6sen uns nicht. Es ist auch nicht ein Buddha, der uns erl\u00f6sen wird, sondern es ist die eigene Praxis, die eigene t\u00e4gliche \u00dcbung. Also Praxis bedeutet, dass man in jeder T\u00e4tigkeit, die man aus\u00fcbt, versucht, in dem Moment zu sein und von sich loszulassen.&#8220;<\/p>\n<p>In Antaiji reicht es nicht, auf einer inneren, spirituellen Suche zu sein, sagt Abt Muh\u014d. Antaiji sei vor allem auch ein Ort f\u00fcr praktisch veranlagte Menschen: &#8222;Ich habe die Verantwortung f\u00fcr das Holz. Wir f\u00e4llen B\u00e4ume, denn wir brauchen Holz brauchen zum Heizen, zum Kochen, aber auch f\u00fcr den Boiler, in dem wir das Badewasser erhitzen.&#8220;<\/p>\n<p>Vor allem die Arbeit auf dem Feld sei hart, meint Markus. &#8222;Ich habe ja vorher nur vor dem Rechner gesesse. Und letztens habe er gelernt zu schlachten, erz\u00e4hlt Xavier. In Antaiji lebt man \u2013 entgegen g\u00e4ngiger Klischees \u2013 nicht vegetarisch. Die Wildtiere bekommt die Gemeinschaft von den Bauern und J\u00e4gern der Umgebung geschenkt. Sie zu verschm\u00e4hen, w\u00fcrde sie erneut t\u00f6ten, sagt Muh\u014d.<\/p>\n<p>&#8222;Vegetarier haben oft eine sehr genaue Vorstellung, wie alle anderen auch essen sollten. Also diese Idee: Ich mach es richtig und wenn du es nicht so machst, dann machst du es falsch. Und das ist komplett kontr\u00e4r zum Buddhismus. Nat\u00fcrlich ist es gut, sich haupts\u00e4chlich von Gem\u00fcse zu ern\u00e4hren. Aber was noch wichtiger ist, diese Idee loszulassen: Ich mach es richtig.&#8220;<\/p>\n<p>In Antaiji werden keine spirituellen Praktiken oder Meditationstechniken angeboten. Stattdessen bietet Abt Muh\u014d die 24 Stunden des Tages als Zen- Praxis: &#8222;Erleuchtung versteckt sich nicht irgendwo hinter der n\u00e4chsten Ecke, sondern in dem Moment, wo ich vor mir die Wand sehe, ich h\u00f6re die Zikaden, ich h\u00f6re die V\u00f6gel, ich sp\u00fcre meinen K\u00f6rper vom Scheitel bis zu den F\u00fc\u00dfen, ich sp\u00fcre meinen Atem, sp\u00fcre wie Gedanken kommen und wieder gehen \u2013 da manifestiert sich schon Erleuchtung.&#8220;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ofiEJt4Qrag\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>With resolve and sincerity, one should aim to exceed the ancients in purity and surpass the former worthies in attentiveness. The way to put that aspiration into practice in one&#8217;s own person is, for example, to take the same three coins that one&#8217;s predecessors spent to make a soup of the crudest greens and use them to now to make a soup of the finest cream. This is difficult to do. Why is that? Because present and past are completely different, like the distance between heaven and earth. How could we ever be able to equal their stature? Nevertheless, when we work attentively, therein lies the principle that makes it possible to surpass our predecessors.<br \/>\nThat you still do not grasp the certainty of this principle is because your thinking scatters, like wild horses, and your emotions run wild, like monkeys in a forest. If you can make those monkeys and horses, just once, take the backward step that turns the light and shines it inward, then naturally you will be completely integrated. This is the means by which we, who are [ordinarily] set into motion by things, become able to set things into motion.<br \/>\nHarmonizing and purifying yourself in this manner, do not lose either the one eye [of transcendent wisdom] or the two eyes [of discriminating consciousness]. Lifting a single piece of vegetable, make [yourself into] a six-foot body [i.e. a buddha] and ask that six-foot body to prepare a single piece of vegetable. Those are [the cook&#8217;s] spiritual penetrations and magical transformations, his buddha-work and benefiting of living beings.<br \/>\nHaving prepared [everything] so that the preparations are finished, and cooked [everything] so that the cooking is done, look to &#8222;that side&#8220; and put things away on &#8222;this side&#8220;.  When the drum sounds or the bell rings, join the assembly [of monks in training] and attend the convocation [to hear the abbot&#8217;s teachings]. &#8222;Morning and evening, seek and attend&#8220;, without being remiss even once.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geweckt wird man im Kloster Antaiji fr\u00fch, sehr fr\u00fch, noch vor dem Sonnenaufgang. Und sanft geschieht es auch nicht grade. Um viertel vor vier rennt Xavier \u00fcber die Flure. Er ist heute der Jikijitsu und f\u00fcr den Tagesablauf verantwortlich. Seine trampelnden Schritte signalisieren jedem: In 15 Minuten beginnt in der Halle die Meditation, das sogenannte Zazen mit dem Gongschlag des Jikijitsu. Die Meditierenden sitzen auf Kissen, manche auf richtigen Kissent\u00fcrmchen. Der Lotussitz, eine kreuzbeinige Sitzposition empfiehlt sich nur Ge\u00fcbten. Zwei Stunden wird man so, unterbrochen nur vom Kinhin, einer 15-min\u00fctigen Gehmeditation, bewegungslos sitzen. Mit dem Gesicht zur Wand verharrt man ganz im Hier und Jetzt, erkl\u00e4rt Xavier, ein in Chile geborener Deutschlehrer: &#8222;Wenn man ganz still ist, dann f\u00fchlt man sich anders. Wenn du dich st\u00e4ndig bewegst, dann achtest du nur: Oh, hier juckt es oder wie lange haben wir noch? Wenn du ganz stille sitzt und einatmest und ausatmest und l\u00e4sst alles, dann geschieht etwas.&#8220; &#8222;Oft wird gesagt, Zazen bedeutet, man setzt sich aufs Kissen und l\u00e4sst los und man genie\u00dft dann die Ruhe des Geistes. Was aber passiert ist, man genie\u00dft es dann f\u00fcr f\u00fcnf Minuten, zehn Minuten einfach nur stillsitzen zu d\u00fcrfen. Aber sp\u00e4testens nach 15 Minuten geht es dann los im Kopf und alle m\u00f6glichen Dinge kommen hoch. Dieses innere Gespr\u00e4ch beginnt&#8220;, sagt Muh\u014d. Nicht nur das sei hart, sagt Murillo aus Brasilien, der seit einem Jahr in Antaiji Zen praktiziert: &#8222;Du hast k\u00f6rperliche Schmerzen und dein Geist wird immer wieder abgelenkt. Jemand hat Zazen als einen Spiegel beschrieben, in dem man sich selbst sieht. Man kann sich davor nicht verstecken. Es ist nicht immer sch\u00f6n, aber man lernt auch viel \u00fcber sich. Besonders w\u00e4hrend der Sesshin-Tage. 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