{"id":16964,"date":"2018-11-06T00:30:58","date_gmt":"2018-11-06T00:30:58","guid":{"rendered":"http:\/\/antaiji.org\/?p=16964"},"modified":"2018-11-12T05:35:11","modified_gmt":"2018-11-12T05:35:11","slug":"20181106-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/antaiji.org\/de\/20181106-2\/","title":{"rendered":"Muho im Radio, letztes Kapitel von &#8222;Das Meer weist keinen Fluss zur&uuml;ck&#8220; &#038; rund um die Halle, 6. November 2018"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/FmYVIB_iKac\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Photo von Eva Rugel (Antaiji, August 2017): <a target=\"new\" href=\"https:\/\/www.evarugelphotography.de\">evarugelphotography.de<\/a><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/UXUA67rEO1w\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Photo von Esther Bosch (Schin op Geul, September 2016): <a target=\"new\" href=\"http:\/\/www.dogen-zen.nl\">dogen-zen.nl<\/a><br \/>\nMehr von Muhos PR-Tour im Herbst 2016 &#038; 2018: <a target=\"new\" href=\"https:\/\/antaiji.org\/de\/history\/about\/video\/\">antaiji.org\/de\/history\/about\/video\/<\/a><\/p>\n<p><b>Die Zeit wartet auf niemanden<\/b><\/p>\n<p>Mit zunehmendem Alter scheinen die Jahre immer schneller zu vergehen. Als h\u00e4tte jemand die Vorspultaste des Lebens gedr\u00fcckt und vergessen, sie wieder loszulassen. Seltsam nur, dass mein Atem nicht schneller geht als vor zehn, zwanzig oder drei\u00dfig Jahren. Wenn ich nicht zur\u00fcckschaue, sondern mich nur auf den gegenw\u00e4rtigen Moment konzentriere, scheint sich \u00fcberhaupt nichts ver\u00e4ndert zu haben. Bin ich ein anderer als der, der ich fr\u00fcher einmal war? <\/p>\n<p><i>Jedes Jahr dieselben Bl\u00fcten<br \/>\nJedes Jahr andere Menschen<\/i><\/p>\n<p>So lautet ein alter chinesischer Spruch, der viele Asiaten an die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens erinnert. Der chinesische Jahresanfang f\u00e4llt meist in den Februar, wenn die Aprikosenb\u00e4ume zu bl\u00fchen beginnen. Der Reihe nach erfreuen dann die Pfirsich-, Pflaumen- und schlie\u00dflich die Kirschb\u00e4ume die Menschen mit ihren Bl\u00fcten. Nehmen die Jahreszeiten ihren gewohnten Lauf, kann man leicht vergessen, dass man selbst dem Tod mit jedem Tag, der vergeht, ein St\u00fcckchen n\u00e4her kommt. Vielleicht erscheinen uns auch deshalb die Jahre mehr und mehr wie im Flug zu vergehen, weil sie uns immer kostbarer werden.<br \/>\n   Aber der Spruch sagt eben nur die halbe Wahrheit. Es sind nicht jedes Jahr \u201edieselben Bl\u00fcten\u201c. Sie sind ebenso einmalig wie wir Menschen. Nur dem, der nicht genau genug achtgibt, erscheinen sie austauschbar. Die Kirschbl\u00fcten im Fr\u00fchling und das Ahornlaub im Herbst meines f\u00fcnfzigsten Lebensjahrs wird es nur dieses eine Mal geben und dann niemals wieder.<\/p>\n<p>Auch in diesem April haben sich meine Familie und die ganze Klostergemeinschaft wieder um ein gro\u00dfes Lagerfeuer unter den bl\u00fchenden Fruchtb\u00e4umen versammelt, um das Ende des Winters und den Beginn des Fr\u00fchjahrs zu feiern. Erst wenn ich mir Bilder von unseren fr\u00fcheren Festen ansehe, wird mir bewusst, wie fl\u00fcchtig alles ist. Die wenigsten Klosterbewohner bleiben l\u00e4nger als drei Jahre. Viele von ihnen brechen pl\u00f6tzlich auf, einige sogar bei Nacht und Nebel. Manchmal frage ich mich, was aus all denen geworden ist, die Antaiji entt\u00e4uscht verlassen haben. Konnten sie trotz allem etwas f\u00fcr ihr weiteres Leben mitnehmen? Haben sie etwas gelernt, oder ist da nur Bitterkeit, wenn sie sich erinnern? <\/p>\n<p>   Von den Bewohnern, die schon im Kloster lebten, als mein j&uuml;ngster Sohn Taku zur Welt kam, ist heute nur noch Michiko da, eine ehemalige Hebamme. Sie hat miterlebt, wie pr\u00e4chtig er sich entwickelt hat. Mittlerweile geht er schon zur Schule.<br \/>\n   Jeden Morgen um Viertel nach sieben, wenn der Rest der Gemeinschaft mit einer Tasse Tee in der Morgensonne sitzt, bringe ich meine Kinder mit dem Auto zur f\u00fcnf Kilometer entfernt gelegenen Bushaltestelle. Eigentlich k\u00f6nnten sie auch mit dem Fahrrad fahren, aber Tomomi f\u00fcrchtet die Kragenb\u00e4ren, die in den Bergen rings um das Kloster leben. Mit einem \u201eEs wird schon alles gutgehen\u201c meinerseits gibt sie sich inzwischen l\u00e4ngst nicht mehr zufrieden.<br \/>\n   Zur\u00fcck kommen die Kinder erst nach Einbruch der Dunkelheit, wenn im Kloster alle bei der Abendmeditation sind. Dann m\u00fcssen noch Schulaufgaben gemacht werden. Wenn die Kinder schlie\u00dflich auf ihre Zimmer gehen, ist in Antaiji lange schon vollkommene Ruhe eingekehrt. Die Mittelschule gleicht in Japan einem Vollzeitjob. Manchmal fragen mich Hanna und Kay, meine beiden &auml;lteren Kinder: \u201eWas machen deine G\u00e4ste eigentlich den ganzen Tag lang?\u201c<br \/>\n   Dann erkl\u00e4re ich ihnen, dass die Klosterbewohner nicht meine G\u00e4ste sind, sondern Menschen, von denen einige eine Karriere aufgegeben und ganze Ozeane \u00fcberquert haben, um in den Bergen das zu finden, was ihnen im Leben bisher gefehlt hat. Was das denn sei, wollen meine Kinder wissen.<br \/>\n   \u201eJeder hat seinen eigenen Ausdruck daf\u00fcr. Die einen suchen nach ihrem wahren Selbst, andere nach dem Sinn des Lebens. Die meisten von ihnen haben festgestellt, dass sich die moderne Welt in eine Sackgasse man\u00f6vriert hat. Sie glauben, dass das Klosterleben eine Alternative zum Alltag im Kapitalismus sein k\u00f6nnte.\u201c Sp\u00e4testens wenn ich an diesem Punkt meines Vortrags angelangt bin, verdrehen meine Kinder die Augen. Vielleicht haben sie ja recht, wenn sie sagen: \u201ePapa, glaubst du wirklich, dass deine G\u00e4ste <i>daf\u00fcr<\/i> eine Karriere opfern w\u00fcrden? Die haben nie eine Karriere gemacht, deshalb sind sie hier gelandet \u2013 genau wie du!\u201c<br \/>\n   Aus Hanna und Kay sind zwei selbstbewusste Teenager geworden, die zumindest eines ganz sicher wissen: wie ihr Vater wollen sie niemals werden. Und das ist auch genau richtig so.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/n0RzAh2pnKA\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Photo von Eva Rugel (Antaiji, August 2017): evarugelphotography.de Photo von Esther Bosch (Schin op Geul, September 2016): dogen-zen.nl Mehr von Muhos PR-Tour im Herbst 2016 &#038; 2018: antaiji.org\/de\/history\/about\/video\/ Die Zeit wartet auf niemanden Mit zunehmendem Alter scheinen die Jahre immer schneller zu vergehen. Als h\u00e4tte jemand die Vorspultaste des Lebens gedr\u00fcckt und vergessen, sie wieder loszulassen. Seltsam nur, dass mein Atem nicht schneller geht als vor zehn, zwanzig oder drei\u00dfig Jahren. Wenn ich nicht zur\u00fcckschaue, sondern mich nur auf den gegenw\u00e4rtigen Moment konzentriere, scheint sich \u00fcberhaupt nichts ver\u00e4ndert zu haben. Bin ich ein anderer als der, der ich fr\u00fcher einmal war? Jedes Jahr dieselben Bl\u00fcten Jedes Jahr andere Menschen So lautet ein alter chinesischer Spruch, der viele Asiaten an die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens erinnert. Der chinesische Jahresanfang f\u00e4llt meist in den Februar, wenn die Aprikosenb\u00e4ume zu bl\u00fchen beginnen. Der Reihe nach erfreuen dann die Pfirsich-, Pflaumen- und schlie\u00dflich die Kirschb\u00e4ume die Menschen mit ihren Bl\u00fcten. Nehmen die Jahreszeiten ihren gewohnten Lauf, kann man leicht vergessen, dass man selbst dem Tod mit jedem Tag, der vergeht, ein St\u00fcckchen n\u00e4her kommt. Vielleicht erscheinen uns auch deshalb die Jahre mehr und mehr wie im Flug zu vergehen, weil sie uns immer kostbarer werden. Aber der Spruch sagt eben nur die halbe Wahrheit. Es sind nicht jedes Jahr \u201edieselben Bl\u00fcten\u201c. Sie sind ebenso einmalig wie wir Menschen. Nur dem, der nicht genau genug achtgibt, erscheinen sie austauschbar. Die Kirschbl\u00fcten im Fr\u00fchling und das Ahornlaub im Herbst meines f\u00fcnfzigsten Lebensjahrs wird es nur dieses eine Mal geben und dann niemals wieder. Auch in diesem April haben sich meine Familie und die ganze Klostergemeinschaft wieder um ein gro\u00dfes Lagerfeuer unter den bl\u00fchenden Fruchtb\u00e4umen versammelt, um das Ende des Winters und den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[29,78],"tags":[],"class_list":["post-16964","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog","category-video"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16964","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16964"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16964\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16980,"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16964\/revisions\/16980"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16964"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16964"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/antaiji.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16964"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}